Wir brauchen keine Wissenschaften. Wir haben Kinder. Das ist schon eine Wissenschaft für sich. Zum Beispiel am Montag. Da war schönes Wetter und wir dachten, tun wir uns was Gutes und gehen mit den Kids in die Berge. Damit hätten wir drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: tolles Ambiente, Bewegung und die Kids sind müde am Abend. So jedenfalls der Grundgedanke.
Wir also auf nach Garmisch zur Höllentalklamm. Da meine Jungs letzte Woche erst mit ihrem Papa in der Partnachklamm waren, wollten wir den großen Bruder davon ausprobieren. Und falls einer der Kleinen nicht mehr könnte, kein Problem, dann steigen wir halt einfach wieder die Klamm runter. Die Kids frohen Mutes singend den Berg rauf, durch die Klamm und schwupps waren wir bei der Höllentalangerhütte. In Normalzeit. Mit einem kurzen Seitenblick auf die immer noch trällernden und labernden Jungs, wollten wir dann doch aufs Ganze gehen und zur Kreuzeckbahn gehen, was zu den bereits erklommenen 600 Höhenmetern weitere 600 addieren würde… Unterwegs fing es an, leicht zu nieseln, kein Problem, die Drei unterhielten weiterhin fröhlich den gesamten Berg.
Der Leser mag sich fragen, wie das so ist, mit einem 5-, 7- und 9-jährigen in die Berge zu gehen. Was genau sind die Risiken einer Tour. Ich kann beim Aufklären behilflich sein:
1. Verabschiede dich von Naturgeräuschen. Ob leises Wasserrauschen, fröhliches Vogelgezwitscher, liebliches Rascheln der Bäume im leichten Wind oder deinen eigenen Atem im Einklang mit dir selbst, du kriegst definitiv nichts mit. Monotone Kindergeräusche absorbieren alles. Hier einige Beispiele, was für kindliche Alternativen sich auftun:
- Blondinenwitze
- selbst ausgedachte Rätsel à la “Wie lang ist die Zunge eines Frosches?” a) 5 m b) 50 cm oder c) 5 cm und wehe du antwortest nicht! Denn… sie geben nicht auf bis sie eine Antwort haben…
- Lieder wie “Der Elephant in der Disko” in der Endlosschleife mit Variationen (Kuh, Esel, Pferd, Papagei…) oder “Die Oma fährt im Hühnerstall Motorrad” (oh Mann, das gibt es noch!?!)
- Rollenspiele zum Thema “Ich bin ein Roboter, Hubschrauber, Elephant, etc.”, natürlich kombiniert mit entsprechendem Bewegungs- und Sprechmuster…
2. Vergiss die innere Ruhe. Eine Bergtour dient der Erholung? Dem Mit-sich-eins-werden? Dann geh allein. Mit Kindern bekommst du die komplette Emotionspalette geboten: lautstarke Fröhlichkeit, Frust, völlige Panik, Entspannung (wenn alle drei im schalldichten, abgesperrten Auto sitzen und du 500 m entfernt einen Cappuccino genießen kannst… öh… kommt also nicht vor…), Mordglüste (der nächste Abgrund ist nicht weit
), Kreativität in der ursprünglichsten Form (schon mal vorgestellt, was so alles passieren kann, wenn ein Kind mit den Händen in den Jackentaschen auf einem Grat stolpert, an dem es links und rechts steil bergab geht?…), emotionales Stimmbandtraining (… nachdem du schon 100 Mal erwähnt hast, er sollte gefälligst die Hände aus den Taschen nehmen?) und natürlich instinktive Reaktionsschnelligkeit.
3. Selbstfindung auf dem Berg. Was du schon immer über dich herausfinden wolltest: Bist du eher ein Buddha-Typ oder ein Hulk? Ist in verschiedenen Größen messbar:
- ab welchem Höhenmeter flippst du das erste Mal aus?
- wie viele Kinder waren definitiv involviert?
- kannst du deine Gereiztheit zähmen bis alle im Auto sitzen, du sie einsperren kannst, um ein paar Meter weiter deinen Cappuccino zu schlürfen, um deine Seelenruhe wieder herzustellen?
- wie oft hast du dich selbst verflucht, dass du deine Oropax daheim hast liegen lassen (wahlweise auch ein iPod mit Naturgeräuschen)?
4. Karotten sind überlebenswichtig. Keine Karotte für dein Kind bis zum nächsten Haltepunkt? Ganz schlecht, denn eine Spezi/Eis/Kaiserschmarrn/Corni/usw. zieht immer, wenn man vorankommen will.
5. Meist gestellte Frage: Wie lange noch? Offen bleibt da die Frage: bis wohin? Standardantwort von uns: Noch 5 Minuten. Hat lange gebraucht, bis sie den Witz dahinter verstanden… und – erstaunlich aber wahr – funktioniert immer wieder aufs Neue…
Nun, um die Spannung nicht in die Höhe zu treiben: Wir sind am Montag singend beim Kreuzeck angekommen, mit der Bahn nach unten gefahren und den Weg rüber nach Hammerbach zu unserem Auto gelaufen. Auf dem Rückweg nach Hause schliefen sie im Auto ein: Mission accomplished! HA! So dachten wir wenigstens… Daheim saßen wir zwei völlig erledigt auf dem Sofa, während über uns der Punk abging…
Was einmal gut ist, lässt sich bestimmt noch steigern. Gestern war Ruhetag, heute sollte es wieder in die Höhe gehen. Also noch früher aufstehen, noch früher da sein, Kinder so richtig fertig machen. Diesmal war unser Ausgangsort Walchensee. Ganz die Profis ignorierten wir die Weicheier-Bahn und stapften zu Fuß nach oben… begleitet von dem nicht zu stoppenden bladiblahdiblah… wir erledigten sozusagen die ersten 600 Höhenmeter getragen von einer Geräuschblase…
Mit knallroten Köpfen kamen wir ERWACHSENEN oben an, die Kids nach wie vor völlig frisch… ausgeruhte Menschen strömten uns von der Bahnstation entgegen, wir genossen unsere erste Karotte, das erste Panorama und die erste heruntergeworfene Spezi wegen Quatschmachens im dortigen Herzogstandhaus.
Weiter gings
über den schmalen Grad (remember? links steil runter, rechts steil runter?), 500 weitere Höhenmeter und einige Gipfelkreuze später… blahdiblahdiblahdiblahdiblah… standen wir durchgeschwitzt – nicht nur von der Anstrengung – und fast heiser WOHLBEHALTEN auf der anderen Seite beim nächsten Haus, der Heimgartenhütte. Ja, sie waren wohl ein wenig angestrengt, Flo hatte sogar seinen eigenen Rucksack dabei, aber blahdiblahdiblah hatten wir für unseren Kaiserschmarrn (wohlverdient) und den Kaffee (lang ersehnt) kaum eine ruhige Minute.
Kinder haben einen Akku, der sich innerhalb Millisekunden wieder auflädt, sobald sie mal kurz in dem innehalten, was sie gerade tun..
Von der Heimgartenhütte liefen wir … blahdiblahdiblahdiblah… wieder runter zu unserem Parkplatz (klingt einfach, allerdings war das 3 Stunden später und die Kids veranstalteten zum Schluss noch ein Wettrennen zum Auto!?!) und freuten uns schon förmlich auf die ruhigen Minuten, die uns das Dauersurren des Motores bescheren würde, kurz nachdem wir losgefahren wären..
Pustekuchen. Die drei machten Party bis Moosburg… ich glaub, ich werd alt…
Was nehmen wir mit von diesen erlebnisreichen neun Stunden auf den Bergen?
- wir haben heute ne Menge Menschen kennengelernt… die uns wahrscheinlich auch durch den ununterbrochenen Informationsfluss unserer Kids. Menschen, denen wir auf unserer Tour immer wieder begegneten und die uns – erstaunlicherweise – immer wiedererkannten… :-s
- Ich bin Typ Hulk ab ca. 900 Höhenmetern
- ein großartiges Panorama
- Stolz. Stolz auf mich, dass ich die komplette Tour zu Fuß gegangen bin und einen Rucksack getragen habe (spricht für meinen Fitnessstand) und kein Kind im Affekt dem Berg geopfert habe. Stolz auf die Kids, die trotz aller Widrigkeiten fröhlich durch den Tag getrabt sind, obwohl sie oft nicht sollten. Stolz auf uns als Familie, denn oft verstehe ich jetzt erst, wie es wohl meinen Eltern mit mir in den Bergen ergangen ist…