Perpetuum Mobile

2010
08.25

Wir brauchen keine Wissenschaften. Wir haben Kinder. Das ist schon eine Wissenschaft für sich. Zum Beispiel am Montag. Da war schönes Wetter und wir dachten, tun wir uns was Gutes und gehen mit den Kids in die Berge. Damit hätten wir drei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: tolles Ambiente, Bewegung und die Kids sind müde am Abend. So jedenfalls der Grundgedanke.

Wir also auf nach Garmisch zur Höllentalklamm. Da meine Jungs letzte Woche erst mit ihrem Papa in der Partnachklamm waren, wollten wir den großen Bruder davon ausprobieren. Und falls einer der Kleinen nicht mehr könnte, kein Problem, dann steigen wir halt einfach wieder die Klamm runter. Die Kids frohen Mutes singend den Berg rauf, durch die Klamm und schwupps waren wir bei der Höllentalangerhütte. In Normalzeit. Mit einem kurzen Seitenblick auf die immer noch trällernden und labernden Jungs, wollten wir dann doch aufs Ganze gehen und zur Kreuzeckbahn gehen, was zu den bereits erklommenen 600 Höhenmetern weitere 600 addieren würde… Unterwegs fing es an, leicht zu nieseln, kein Problem, die Drei unterhielten weiterhin fröhlich den gesamten Berg.

Der Leser mag sich fragen, wie das so ist, mit einem 5-, 7- und 9-jährigen in die Berge zu gehen. Was genau sind die Risiken einer Tour. Ich kann beim Aufklären behilflich sein:

1. Verabschiede dich von Naturgeräuschen. Ob leises Wasserrauschen, fröhliches Vogelgezwitscher, liebliches Rascheln der Bäume im leichten Wind oder deinen eigenen Atem im Einklang mit dir selbst, du kriegst definitiv nichts mit. Monotone Kindergeräusche absorbieren alles. Hier einige Beispiele, was für kindliche Alternativen sich auftun:

- Blondinenwitze

- selbst ausgedachte Rätsel à la “Wie lang ist die Zunge eines Frosches?” a) 5 m  b) 50 cm oder c) 5 cm und wehe du antwortest nicht! Denn… sie geben nicht auf bis sie eine Antwort haben…

- Lieder wie “Der Elephant in der Disko” in der Endlosschleife mit Variationen (Kuh, Esel, Pferd, Papagei…) oder “Die Oma fährt im Hühnerstall Motorrad” (oh Mann, das gibt es noch!?!)

- Rollenspiele zum Thema “Ich bin ein Roboter, Hubschrauber, Elephant, etc.”, natürlich kombiniert mit entsprechendem Bewegungs- und Sprechmuster…

2. Vergiss die innere Ruhe. Eine Bergtour dient der Erholung? Dem Mit-sich-eins-werden? Dann geh allein. Mit Kindern bekommst du die komplette Emotionspalette geboten: lautstarke Fröhlichkeit, Frust, völlige Panik, Entspannung (wenn alle drei im schalldichten, abgesperrten Auto sitzen und du 500 m entfernt einen Cappuccino genießen kannst… öh… kommt also nicht vor…), Mordglüste (der nächste Abgrund ist nicht weit :-) ), Kreativität in der ursprünglichsten Form (schon mal vorgestellt, was so alles passieren kann, wenn ein Kind mit den Händen in den Jackentaschen auf einem Grat stolpert, an dem es links und rechts steil bergab geht?…), emotionales Stimmbandtraining (… nachdem du schon 100 Mal erwähnt hast, er sollte gefälligst die Hände aus den Taschen nehmen?) und natürlich instinktive Reaktionsschnelligkeit.

3. Selbstfindung auf dem Berg. Was du schon immer über dich herausfinden wolltest: Bist du eher ein Buddha-Typ oder ein Hulk? Ist in verschiedenen Größen messbar:

- ab welchem Höhenmeter flippst du das erste Mal aus?

- wie viele Kinder waren definitiv involviert?

- kannst du deine Gereiztheit zähmen bis alle im Auto sitzen, du sie einsperren kannst, um ein paar Meter weiter deinen Cappuccino zu schlürfen, um deine Seelenruhe wieder herzustellen?

- wie oft hast du dich selbst verflucht, dass du deine Oropax daheim hast liegen lassen (wahlweise auch ein iPod mit Naturgeräuschen)?

4. Karotten sind überlebenswichtig. Keine Karotte für dein Kind bis zum nächsten Haltepunkt? Ganz schlecht, denn eine Spezi/Eis/Kaiserschmarrn/Corni/usw. zieht immer, wenn man vorankommen will.

5. Meist gestellte Frage: Wie lange noch? Offen bleibt da die Frage: bis wohin? Standardantwort von uns: Noch 5 Minuten. Hat lange gebraucht, bis sie den Witz dahinter verstanden… und – erstaunlich aber wahr – funktioniert immer wieder aufs Neue…

Nun, um die Spannung nicht in die Höhe zu treiben: Wir sind am Montag singend beim Kreuzeck angekommen, mit der Bahn nach unten gefahren und den Weg rüber nach Hammerbach zu unserem Auto gelaufen. Auf dem Rückweg nach Hause schliefen sie im Auto ein: Mission accomplished! HA! So dachten wir wenigstens… Daheim saßen wir zwei völlig erledigt auf dem Sofa, während über uns der Punk abging…

IMG_0488Was einmal gut ist, lässt sich bestimmt noch steigern. Gestern war Ruhetag, heute sollte es wieder in die Höhe gehen. Also noch früher aufstehen, noch früher da sein, Kinder so richtig fertig machen. Diesmal war unser Ausgangsort Walchensee. Ganz die Profis ignorierten wir die Weicheier-Bahn und stapften zu Fuß nach oben… begleitet von dem nicht zu stoppenden bladiblahdiblah…  wir erledigten sozusagen die ersten 600 Höhenmeter getragen von  einer Geräuschblase…

Mit knallroten Köpfen kamen wir ERWACHSENEN oben an, die Kids nach wie vor völlig frisch… ausgeruhte Menschen strömten uns von der Bahnstation entgegen, wir genossen unsere erste Karotte, das erste Panorama und die erste heruntergeworfene Spezi wegen Quatschmachens  im dortigen Herzogstandhaus.

Weiter gings  IMG_0526über den schmalen Grad (remember? links steil runter, rechts steil runter?), 500 weitere Höhenmeter  und  einige Gipfelkreuze später…  blahdiblahdiblahdiblahdiblah… standen wir durchgeschwitzt – nicht nur von der Anstrengung – und fast heiser WOHLBEHALTEN auf der anderen Seite beim nächsten Haus, der Heimgartenhütte. Ja, sie waren wohl ein wenig angestrengt, Flo hatte sogar seinen eigenen Rucksack dabei, aber blahdiblahdiblah hatten wir für unseren Kaiserschmarrn (wohlverdient) und den Kaffee (lang ersehnt) kaum eine ruhige Minute.

Kinder haben einen Akku, der sich innerhalb Millisekunden wieder auflädt, sobald sie mal kurz in dem innehalten, was sie gerade tun..

Von der Heimgartenhütte liefen wir … blahdiblahdiblahdiblah… wieder runter zu unserem Parkplatz (klingt einfach, allerdings war das 3 Stunden später und die Kids veranstalteten zum Schluss noch ein Wettrennen zum Auto!?!) und freuten uns schon förmlich auf die ruhigen Minuten, die uns das Dauersurren des Motores bescheren würde, kurz nachdem wir losgefahren wären..

Pustekuchen. Die drei machten Party bis Moosburg… ich glaub, ich werd alt…

Was nehmen wir mit von diesen erlebnisreichen neun Stunden auf den Bergen?

- wir haben heute ne Menge Menschen kennengelernt… die uns wahrscheinlich auch durch den ununterbrochenen Informationsfluss unserer Kids. Menschen, denen wir auf unserer Tour immer wieder begegneten und die uns – erstaunlicherweise – immer wiedererkannten… :-s

- Ich bin Typ Hulk ab ca. 900 Höhenmetern

- ein großartiges Panorama

IMG_0508 Stitch

- Stolz. Stolz auf mich, dass ich die komplette Tour zu Fuß gegangen bin und einen Rucksack getragen habe (spricht für meinen Fitnessstand) und kein Kind im Affekt dem Berg geopfert habe. Stolz auf die Kids, die trotz aller Widrigkeiten fröhlich durch den Tag getrabt sind, obwohl sie oft nicht sollten. Stolz auf uns als Familie, denn oft verstehe ich jetzt erst, wie es wohl meinen Eltern mit mir in den Bergen ergangen ist…

Kuscheltiere mal anders

2010
08.15

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Letzt – ganz unverhofft – stand unsere Haushälterin vor der Haustür. Sie hätte mir einen Deal vorzuschlagen… Ok, sag ich, ziemlich neugierig. Sie macht uns den Garten und ich zeichne ihr was. Ich schlug sofort ein, da brauchte ich nicht mal in meinem Hinterkopf Bilder von ungemähtem Rasen, meinem unkrautüberwuchertem Gemüsebeet und einem Gewächshaus heraufbeschwören, das man zwischen inzwischen hochgewachsenem Grün suchen kann.

So machte sie uns den Garten und mir verschlug es die Sprache, in welchem Tempo und wie genau sie sich durch das Gewucher förmlich fräste. Danach erklärte sie mir dann, sie wünsche sich für ihre Tochter eine Zeichnung derer Lieblingskuscheltiere… Äha, sagte ich und dachte ein paar Wochen nach. Gestern fing ich dann endlich an… hier das Ergebnis… b/w

Samstag morgen, halb neun, kinderfrei

2010
07.25

Während ich gemütlich kuschelnd in meinem warmen Bett liege und mich von dem plätschernden Regen erneut einlullen lasse, schießt kurz Dankbarkeit durch meinen Kopf. Dankbarkeit dafür, dass die Kids dieses Wochenende bei Markus verbringen und dort eine Menge Spaß haben, mich aber dafür schlafen lassen. Dankbarkeit für den Regen, der meinen Nachbarn verbietet, Rasen zu mähen, und nebenbei wundervoll riechend ein herrlich gleichmäßiges Geräusch durch mein gekipptes Fenster verbreitet. Es herrscht Ruhe draußen.

Plötzlich – ich war gerade wieder eingeschlafen – zerreißt mehrmaliges Hupen die Stille. Ich drehe mich um und kann mich kurz fragen, was denn das für ein ekliges Geräusch war, bevor mein Hirn jegliche Tätigkeit einstellt.

“Möööööööök, mööööööööök”. Ok, langsam werde ich wacher und ärgerlicher. Meine Denkleistung nimmt schlagartig zu dank Adrenalin, ich beschließe beim nächsten Hupen aufzustehen und sinke wieder zurück in mein Kissen.

“Möööööö, mök, möööööök”. Das reicht. Verschnarcht greife ich nach meiner Jeans und laufe barfüßig mit verschlafenem Blick in den Regen raus. Das ausgemachte Ziel in meinem Tunnelblick ist dieser seltsame Lieferwagen in der Sackgasse vor unserem Haus, der diese unangenehmen Geräusche von sich gibt. Dort angekommen klopfe ich mit meinem Fingernagel an die wasserperlende Scheibe und öffne – ohne eine Reaktion abzuwarten -die Fahrertür. Drinnen sitzt ein ziemlich verschreckter Milchbubi (er muss wohl über 18 sein, er sitzt schließlich hinter dem Steuer) und antwortet auf meine Frage, warum er denn in aller Herrgottsfrüh meine, hier stehen zu müssen mit laufendem Motor und hupe wie ein Wildgewordener: ”Ich warte auf meinen Kumpel, wir müssen zur Arbeit.” Klar, mach ich auch immer so….

Mir dämmert es: Ja, ich habe mitbekommen, dass da zwei Jungs in die Dachwohnung im Haus gegenüber gezogen sind. Nein, keine Ahnung wie alt die sind und nein, ich weiß nicht wie die heißen, die grüßen ja nicht mal. Seitdem tauchen hier immer wieder seltsame junge Gestalten auf, die laut Musik hören und hupen statt zu klingeln…

Also frage ich: ”Hast du’s denn schon mal mit klingeln probiert?” Man kann ja nie wissen. Kaum zu glauben, dass ich auch mal in dem Alter war…. “Ja”, behauptet er, “der hat vielleicht verschlafen oder hat keinen Bock auf Arbeiten oder oder oder.” LOGISCH, da nutzt es dann auch echt viel, hupend vor der Tür zu stehen… Ich kenne die Klingel da oben, von der werden sogar schlafende Elefanten wach. Außer sie haben sich am Abend zuvor ein Bierchen zu viel gegönnt.

Immer noch im Halbschlaf greife ich nach der nächstbesten Lösung: “Dann fahr doch einfach. Das ist sein Problem. Ich kann nur am Wochenende mal ausschlafen und das auch nur alle 14 Tage…”  Das täte ihm sehr leid, dass er mich gestört hätte (er siezt mich), erwidert er, er bliebe auch nur noch 5 Minuten und fahre dann… “Dann kannst du ja so lange deinen Motor ausmachen”, finde ich und denke an meine Pflanzen hinter dem Auspuff. “Aber dann friere ich ja”, widerspricht er mir. ??? Halloooooo? Ist gerade Sommer? Hat es über 18 °C? Ich sammle die letzten Hirnzellen für ein Finale: “Och komm, du bist doch noch jung!” “Sie doch auch”, grinst er mit einem abschätzenden Blick und mir wird bewusst, dass ich ein helles Oberteil anhabe und schon einige Minuten im Regen stehe…

Irgendwie surreal… aber gehupt wurde seitdem nicht mehr…